Der Weg durch den Fisch – Marmolata Südwand. Wenn eine Kletterroute in der heutigen Zeit über einen eigenen ausführlichen Wikipedia-Eintrag verfügt, dann sagt das doch so einiges über den Stellenwert dieser Tour aus. Einleitend sei daher aus eben diesem Wikipedia-Eintrag zitiert: „Aufgrund der außergewöhnlichen Länge, der schlechten Absicherung und des im unteren und oberen Teil brüchigen Felses zählt sie zu den anspruchsvollsten Kletterrouten der Alpen.“ Damals ein Meilenstein der Klettergeschichte. Auch heute noch eine äußerst ernsthafte Tour von herausragendem Nimbus.
| Kletterlänge: ca. 1.220 m | Ausrichtung: Süd |
| Seillängen: 37 | Schwierigkeit: 9- (7+ A3) |
Zustieg
Vom Parkplatz der Marmolata Seilbahn dem Fahrweg über den Campingplatz zum Hüttenparkplatz folgen. Nach diesem zweigt in der ersten Kehre der Forststraße der Weg 610 in das Ombrettatal zum Rifugio Falier auf 2.074 m ab. Dauer Zustieg ca. 1,5 – 2 Stunden. Vom Rifugio Falier auf dem Steig Richtung Ombrettapaß, bis sich dieser der Wand maximal angenähert hat und von dort aus paralell zur Wand weiter führt. In Falllienie der der Tour namensgebenden Felsnische in Fischform die letzten Meter auf direktem Weg über Schrofengelände auf beliebigen Steigspuren zur Wand. Vom Rifugio Falier aus ca. 45 Minuten.
Kletterei
Im unteren Drittel der Tour überwiegend leicht geneigte Wandkletterei entlang der natürlichen Schwachstellen (Risse, Verschneidungen) an zunächst brüchig splittrigem, dann aber immer kompakter und plattiger werdendem Fels.
Das mittlere Drittel der Tour wartet mit steiler plattiger, oftmals sehr technischer Kletterei an Fingerlöchern und kleinen Leisten auf.
Im obersten Drittel nach dem zweiten Band neigt sich die Wand zunächst etwas zurück, bevor es für die letzten 9 Seillängen in die Ausstiegskamiene mit splittrigem Fels geht.
Ausrüstung
- Ein Satz Camalots – Microcams bis Größe 4, ggf. mittlere doppelt
- Umfangreiches Keilsortiment inkl. ggf. Tricams
- Einige Kevlaschlingen zum Fädeln der zahlreichen Sanduhren
- Doppelseile 50 m oder länger
- Cliffhänger, Leitern und technische Spielereien – nur wer damit wirklich umgehen kann
Absicherung
Keine Bohrhaken. Die Tour ist ganz überwiegend selbst abzusichern. Wenige Normalhaken oder fixes Material. Stände bis zum 2. Band an stets ergänzungswürdigen Normalhaken-/Schlingenständen. Oberhalb des 2. Bandes über weite Strecken auch keine definierten Stände mehr.
Der abslout routinierte Umgang mit mobilen Sicherungsgeräten ist obligatorisch. Im zentralen kompakten Teil geht auch mal über sportliche Abstände nichts.
Schwierigkeit
Eine bloße Zahl vermag gerade bei dieser Tour herzlich wenig über den Gesamtanspruch der Unternehmung aussagen.
Freikletterschwierigkeit: Diese wird in der Führerliteratur überwiegend mit 9- nach UIAA-Skala angegeben. Diese Bewertung ist jedoch eher als „klassisch“ anzusehen. Die Schlüsselstellen der schwersten Seillägen (SL 15 „sanfte Verschneidung“; SL 17 „aus dem Fisch heraus“; SL 18 „Lochplatte“) sind sämtlich sehr technisch und boulderlastig. Eine große Reichweite ist hier unzweifelhaft nicht von Nachteil. Die Schwierigkeit der vermeintlich „leichten“ und früher technisch gekletterten Seillängen im 6. und 7. Schwierigkeitsgrad mag so Manchen überraschen und wäre nach heutigen Maßstäben sicher etwas anders zu bewerten.
Schwierigkeit bei technischer Kletterei: Die Angaben variieren hier in der Führerliteratur um die 7/7+/8- A3-4. Jeder sollte sich jedoch bewusst sein, dass technisch klettern hier nicht an Haken hochziehen bedeutet. Wo keine Haken… Wer also in einem schwachen Moment meint, seine Nerven durch den Einsatz von Cliffhängern in Fingerlöchern mit bereits „ausgerissenen“ Kanten beruhigen zu können, wird – wenn er im Umgang mit solchen technischen Spielereien genauso wenig vertraut ist wie ich – wahrscheinlich ebenfalls Flugmeter sammeln und sich am Ende wieder auf seine Freikletterfertigkeiten verlassen müssen.
Absicherung und mentaler Anspruch: Die Tour stellt hohe Ansprüche an die Fertigkeiten zur mobilen Absicherung. Und selbst dann sind die Sicherungsmöglichkeiten oft begrenzt, so dass weite Runouts überwunden werden wollen. Wer hier nicht weit über der geforderten nominalen Freikletterschwierig-keit klettert, braucht einen umso stärkeren Kopf.
Insgesamt ist die Tour auch heute noch ein sehr langes ernsthaftes Abenteuer. Die mentalen Anforderungen sind höher einzustufen als der Anspruch an die (recht obligatorische) Freikletterschwierigkeit.
Informationen zu den einzelnen Seillängen im Tourenbericht unten.
Biwakmöglichkeiten
Wer sich ein bisschen mehr Zeit lässt die Tour zu genießen, findet in der namesgebenden Felsniesche in Fischform sowie auf dem zweiten Band geeignete Nächtigungsplätze. In der Felsniesche schläft man zu zweit, bis maximal zu dirtt passabel. Der Boden fällt nach vorne zur Kante hin leicht ab. Am hier mit Borhaken versehenen Stand gesichert erhöht das Schlafen im Klettergurt freilich den Schlafkompfort. Der Biwakplatz in einer Höhle auf dem zweiten Band hingegen, wartet mit ausreichend Platz für bis zu 6 Personen, Überdachung und Windschtz quasi mit allem erdenklichen Kompfort auf, den man sich so wünschen kann.
Abstieg
Es empfiehlt sich zu Betriebszeiten der Bahn aus der Tour auszusteigen. Vom verbauten Gipfel aus geht es kreativ über Leitern, Geländer und das Vordach der Bergstation sicherlich halb legal/gewünscht auf die Aussichtsplattform ebendieser. Wer die letzte Bahn verpasst hat, dem bleibt die Wahl entweder nochmal eine Nacht unter freiem Himmel zu verbringen, oder sich die gut 2.000 hm über den Gletscher hinab ins Tal zu gönnen.
Tourenbericht
Warum tut man sich so etwas überhaupt an?
Am Ende ist dann doch alles gut gegangen. 15:30 Uhr am Gipfel und über das Dach der Seilbahn auf die Aussichtsplattform der Bergstation geklettert. Das Ticket für die Talfahrt mit der Bergbahn war somit gelöst und der drohende 2.000 Höhenmeter Abstieg über den Gletscher blieb uns erspart. Der uns ungläubig anschauende nette Mitarbeiter der Bahn hatte dann sogar noch eine Flasche Wasser für uns…
Nachdem wir anstatt der geplanten zweit, drei Tage in der Wand verbracht hatten, war unsere Ration Wasser für den letzten Tag äußerst dürftig ausgefallen – an der am Gipfel trocken am Gaumen klebenden Zunge hatte selbst der in der letzten Nacht gesammelte, vom Höhlendach des Biwaks tropfende halbe Liter Regenwasser nicht wirklich etwas geändert.
Auf der Fahrt in die nächste Ortschaft noch einen kurzen Sprung in den eiskalten Stausee. Sich von der Sonne trocknen lassen. Raus aus den drei Tage lang vollgeschwitzten Klamotten. Die Wunden und Prellungen gekühlt, den alten Schweiß abgewaschen – ein Gefühl wie neu geboren zu sein.
Wenig später auf der Fahrt setzt das Gewitter ein. Es hatte sich am Himmel bereits abgezeichnet. Ein bisschen früher als angekündigt und mit einer infernalischen Intensität. Hagel trommelt auf das Autodach. Die Scheibenwischer laufen auf Höchstgeschwindigkeit. Autos pflügen durch die unter Wasser stehenden Straßen. Wir betrachten die Szenerie undgläubig und müssen laut und fast ein bisschen irre lachen. Die Vorstellung, wie sich Sturzbäche aus Wasser und losen Steinen durch die Ausstiegskamine der Wand bahnen, welcher wir vor nicht einmal ganz zwei Stunden entstiegen sind, lässt uns schaudern und erleichtert aufatmen.
Antipasti, Pizza und Bier im Restaurant schmecken legendär und lassen die Spannung der letzten Tage vollends von uns abfallen. Wir lachen viel und lassen ungläubig die Intensität des Erlebten Revue passieren. Satt und zufrieden machen wir uns auf die Heimreise.
Auch in den nächsten Tagen zuhause habe ich die Ereignisse der letzten Tage noch immer nicht vollends realisiert und fange daher an diese Zeilen zu schreiben.
Ich habe mir eine Auszeit genommen, um lang gehegte Träume zu verwirklichen. Träume die jetzt realisiert werden wollen, bevor ich eines Tages aufwache und zu alt dafür geworden bin. Traumtouren die mir zum Teil seit Jahren im Kopf herum spuken wie z.B. die Locker vom Hocker und der Bayerischer Traum im Schüsselkar. Und wenn man dann schon mal die Zeit hat, nimmt man eine Sehnsuchtstour wie den Freneypfeiler am Mont Blanc bei besten Bedingungen natürlich auch gleich mit – auch wenn man diese zuvor gar nicht auf der Liste hatte.
Große Klassiker und Meilensteine der Klettergeschichte einfach so im Vorbeigehen ohne großen Widerstand wegkonsumiert. Ich reibe mir die Augen und bin von mir selbst überrascht, wie kurz das Glücksgefühl des jeweilig erreichten anhält. Ein Ziel von der Liste abgehakt. Zwei neue noch anspruchsvollere erscheinen. Ich ertappe mich, wie ich anstatt glücklich zu sein unzufrieden bin. Mal passen die Bedingungen für die nächste Tour nicht, mal findet sich der richtige Kletterpartner zum passenden Zeitpunkt nicht. Ich fühle mich ruhelos, ja fast schon getrieben von meinem Ehrgeiz nach immer anspruchsvolleren Zielen. Aber war das Ziel der Auszeit nicht, einfach mal mehr im Hier und Jetzt zu leben? Den Moment zu genießen, anstatt ständig dem Zukünftigen – dem einen Masterplan – hinterher zu laufen? Die Anzahl der in Frage kommenden Klettertouren ist nahezu unendlich. Kein Klettererleben wird jemals ausreichen sie alle zu erklimmen. Wann werde ich mich daher jemals vollständig fühlen? Wann hört das Getrieben sein auf? Vielleicht waren die bislang gemachten Touren einfach zu leicht? Vielleicht stellt sich die innere Ruhe ein, wenn ich wirklich mal an meine Grenzen komme.
Und da war der Gedanke. Die nächste Tour auf der Liste. Marmolada Südwand. Via attraverso il Pesce – der Weg durch den Fisch. Kaum eine mir bekannte andere Klettertour im Alpenraum hat einen größeren Nimbus. Erst in den 1980er Jahren eröffnet. Ca. 1.200 Klettermeter bis zum unteren neunten Schwierigkeitsgrad bei freier Kletterei. Der Fels mal äußerst brüchig, im zentralen Teil ein kompakter, strukturarmer Plattenpanzer. Bohrhaken? Fehlanzeige! Was steckt, sind teils 30 Jahre alte Schlaghaken und von der Sonne ausgeblichene Sanduhrschlingen. Für die Absicherung ist ganz überwiegend selbst zu sorgen. Die Abstände der zweifelhaften vorhandenen Sicherungspunkte sowie die der möglichen Placements für die eigene mobile Absicherung sind oft bedenklich weit auseinander. Ein möglicher Grund dafür, dass die Tour nie wirklich zur Modetour geworden ist und auch heute noch als eine der anspruchsvollsten der Alpen gilt. Das Test Pice schlechthin also für den ernsthaften starken Alpinisten, der seine Grenzen erfahren möchte?
Mit Alex hat sich ein williger starker Mitstreiter gefunden. Das passende Zeit- und Wetterfenster ist da. Als wir telefonieren fragt mich Alex ob es mir genauso geht wie ihm. Und ja, je mehr ich mich mit der Tour beschäftige, Führer studiere, Berichte lese und das Netz nach Youtube Videos durchforste, desto mehr steigt die Anspannung. Ich muss nur an die Tour denken und schon fühle ich meinen Puls im Hals schlagen, wie Finger und Handflächen feucht werden und wie sich mir die Nackenhaare aufstellen.
Bei einem Bier am See erzähle ich einer Freundin von der geplanten Unternehmung. Sie fragt mich, ob ich denn Angst hätte oder sei das lediglich Respekt? Ich sehe in mich hinein. Respekt? Ganz sicher. Einen gehörigen. Grade, weil ich inzwischen auf einen so großen Erfahrungsschatz zurückgreifen kann weiß ich, dass der Anspruch der Tour enorm ist. Angst? Ja Angst ist da auch. Zwar habe ich mir in der Vergangenheit oft genug selbst bewiesen, dass ich über eine ausgezeichnete „Vorstiegsmoral“ verfüge, aber ich weiß auch, dass wenn die Kletterschwierigkeit der Tour, welche ich im onsight bewältigen kann nur zu groß ist, ich den Punkt erreichen werde, an dem es nicht mehr weiter geht. Der Punkt an dem das Blut aus den Unterarmen aufgrund der Anspannung nicht mehr zurückläuft. Die Finger sich mangels Versorgung mit Sauerstoff langsam von den haltenden Griffen lösen. Ich meinem Kletterpartner zurufen werde sich bereit zu machen.
Bereit auf das Unvermeidbare. Einen Sturz in die gähnende Tiefe, in den saugenden Abgrund einer fast 1.000 Meter hohen Wand. In der Hoffnung, dass das Seil und die zwischen mir und meinem Partner liegenden Zwischensicherungen meinen Sturz werden aufhalten können.
Und genau dies ist der Punkt der mir Unbehagen und – reden wir nicht um den heißen Brei herum – Angst macht. Wie bereits oben erwähnt ist die Absicherungssituation in der Tour prekär. Wie weit wird die letzte Zwischensicherung entfernt sein? Wird sie der Sturzbelastung standhalten oder wird sie einfach kollabieren und sich mein Sturz in die Tiefe noch weiter verlängern, bevor sich das rettende Seil endlich strafft? Ein rostiger Schlaghaken, eine dünne Reepschnur ist halt kein solider Bohrhaken… und je weiter der Fall, desto größer die Sturzenergie, desto größer das Verletzungsrisiko. Eine simple Kausalität. Sie ist es, die mich erschaudern lässt. Sie macht mir einerseits Angst, andererseits zieht sie mich irgendwie auch in ihren Bann.
Woher kommt diese Bereitschaft, für ein bei objektiver Betrachtung im Grundsatz völlig sinnloses Unterfangen Gesundheit und Leben zu riskieren? Irgendetwas zwischen Dummheit, Heldenepos und der Sehnsucht in unserer zu 100% abgesicherten Gesellschaft etwas für einen selbst Bedeutsames zu tun? Träume zu leben?
Dann ist es endlich soweit. Auf den letzen Metern vor dem Ziel verlängert uns ein Stau das zweifelhafte Vergnügen der Anfahrt um lässige 1,5 Stunden. Wir geben Gas. Im Dunkeln sprinten wir im Schein unserer Stirnlampen zur Falier Hütte hinauf. Trotz des schweren Gepäcks erreichen wir die Hütte noch rechtzeitig vor Hüttenruhe.
Die Nacht ist kurz. Das bereitgestellte Frühstück in der dämmrig beleuchteten Gaststube… sagen wir mal ausbaufähig. Die trockenen pappähnlichen Weißbrotsemmeln mit viel Tee herunter gespült, machen wir uns auf den unproblematischen Weg zur Wand. Bei Tageslichtanbruch haben wir den Wandfuß erreicht. Der Einstieg ist leicht zu finden. Direkt in Falllinie der der Tour namensgebenden Felsniesche im oberen Teil der Wand. Der „Fisch“ gleicht dem missratenen Versuch eines Fünfjährigen einen Fisch zu zeichnen, ist aber mit der Fantasie eines ebensolchen als solcher von unten gut zu erkennen.
Der Start über den Einstiegsüberhang beginnt mit noch kalten Fingern äußerst giftig. Na zumindest ist da gleich ein Haken. Wir wundern uns über die neue Expressschlinge die in diesem hängt. Ich klippe die Exe dankbar und ziehe mich an splittrigen Leisten nach oben. Der vermeintlich leichte Vorsteiger-Rucksack zieht bereits hier gut nach unten. Haben wir es mit dem Trinken vielleicht doch zu gut gemeint… aber man kann nie genug Wasser dabei haben in einer Südwand! Nach dem Überhang geht es gleich steil und brüchig weiter.
Im Nachhinein erfahren wir, dass für eine andere Seilschaft am Vortag das große Abenteuer bereits hier endete, als der Vorsteiger mit einem losen Griff in der Hand den Abgang machte. Echtes sch… Gelände in der ersten Seillänge. Darüber neigt sich die Wand nach hinten. Entspannt geht es zum Stand auf dem breiten Band. Alex wirft die Rotpunktbestrebungen gleich am Einstiegsüberhang über Bord. Keine Chance diese Stelle mit einem 20 kg Haulback am Rücken zu Klettern.
Den Zwischenstand nach dem kurzen Quergang der 2. SL überklettere ich versehentlich… egal gleich weiter. Die lange Rissschuppe der 3. SL klettert sich gut und lässt sich auch gut absichern. Für den im Topo angegeben 5. Schwierigkeitsgrad, darf aber sogleich ordentlich zugepackt werden womit die Erwartungen wachsen, was da so alles noch auf uns zukommt. Schwierigkeitsbewertungen sind halt immer subjektiv. Alex stöhnt unter dem Gewicht des Haulbacks am Rücken. Da kommt ganz schön was an Gepäck zusammen, wenn man mit einem Biwak plant…
Nach dem Quergang der 4. SL beginnen wir den Haulback nachzuziehen. Eine äußerst freudlose und mühsame Angelegenheit in dem hier noch sehr zersetzten Gelände. Die Felsqualität ist dann doch noch eher schlecht als recht. Die Kletterei lässt sich hier der Schwierigkeit entsprechend passabel selber absichern. Fixes Sicherungsmaterial findet sich eigentlich fast nur an den Standplätzen. Dieses will regelmäßig ergänzt und verbunden werden. Die Wegfindung ist trotzdem intuitiv und unproblematisch. Zügig kommen wir in Wechselführung voran.
Die 8. und 9. Seillänge bietet schöne Kletterei an einer langen abdrängenden Rissverschneidung. In den SL 10 bis 12 wird der Fels zunehmend kompakter. Die löchrigen Platten klettern sich super, wenn auch die Ehrfurcht wächst, was hier bereits im 6. Schwierigkeitsgrad wegzuziehen ist. Verpasst man die leichtest mögliche Routenführung auch nur leicht, klettert man hier gleich mal im 8. Grad. Die Absicherung mit Schlaghaken, Sanduhrschlingen und mobilen Sicherungen ist zwar teilweise schon sportlich, aber noch recht gut machbar.
Mit der 13. SL starten die Schwierigkeiten der Tour. Vom Stand weg traversiert man ausgesetzt nach links. Unwillig verlässt man die letzten großen Strukturen. Ein harter wackliger Zug an schlechten Seitleisten bringt einen auf den Weg Richtung der stumpfen Piazkante. Die Kletterei löst sich nach oben zum Stand hin gut an großen Löchern auf und ist mit den vorhandenen Schlaghaken und mobilen Placements gut abzusichern. Die 14. SL wartet mit schöner Kletterei auf.
Dann ist es soweit… der Blick richtet sich erwartungsvoll nach oben. Da ist sie also, die überall als „seichte Verschneidung“ beschriebene vermeintliche Schlüsselseillänge der Tour. Unter- und oberhalb der Verschneidung steile Platten mit Löchern mit einigen erkennbaren Schlaghaken und fixen Sicherungen. Dazwischen ca. 8 m blankes Nichts. Ein scheinbar vollständig geschlossener Plattenpanzer. Der Puls schlägt mir bis in den Hals. Selbstzweifel. Werde ich da hoch kommen?
Ich schließe die Augen und atme tief durch. Genau diese Situation war mir in den Tagen zuvor immer und immer wieder durch den Kopf gegangen. Ich stelle mir vor, wie ich mich vollständig entspanne. Wie ich die Griffe mit dem geringstmöglichen Kraftaufwand greifen werde. Die sanfte Berührung, wenn meine Finger weich die auch noch so kleinste Griffmöglichkeit umschließen werden. Wie ich meinen Körperschwerpunkt sauber von einem Tritt über den nächsten verlagern werde. Der angespannte Tonus in meinem Körper lässt langsam nach. Ich denke an die vielen -teilweise auch kritischen- Situationen in der Vergangenheit, welche ich gemeistert habe. Ich versuche mich an diesen Zustand der vollkommenen Ruhe zu erinnern und mich in den damit verbundenen Flowzustand zu versetzen. Ich öffne die Augen. Der Fokus schärft sich. Ein letzter prüfender Blick zu Alex. Anspannung und Sorge liegt in seinem Blick. Ein letzes vollkommen überflüssiges, aber bestätigendes: „Du hast mich?“ Nicken. Dann geht es los.
Ich klettere ruhig und weich. Die Platte steilt auf. Die Schwierigkeit steigert sich. Ich spüre meinen Körper arbeiten. Freude kommt auf. Schwer, technisch anspruchsvoll, aber genau mein Style. Der nächste fixe Keil ist einige Meter entfernt… egal. Du kannst das. Weich geht es weiter. Die Schlüsselstelle kommt näher. Zwei solide Schlaghaken in einem Riss. Der Blick nach oben. Verdammt ist das glatt! Selbstzweifel kommen auf. Onsight wird das eh nix! Bereitwillig ergebe ich mich meinen Selbstzweifeln. Ohne Notwendigkeit rufe ich: „Alex mach zu!“ Ich entspanne mich wieder und versuche aus meiner Position alle möglichen Griff- und Trittmöglichkeiten über mir zu erspähen und mir den dazugehörigen Bewegungsablauf vorzustellen.
Auf geht`s! Energisch klettere ich los. Noch schnell den fixen Tricam mit der ausgeblichenen Schlinge geklippt geht es an guten Löchern aufwärts. Es kommt der glatteste Teil. Lediglich zwei Zweifinger-Löcher und zwei Einfinger-Löcher sollen den Weiterweg in die löchrige Wand links also ermöglichen. Ich mache mich lang und greife das erste Zweifingerloch. Gar nicht so gut. Habe ich erwähnt, dass ich Fingerlöcher eigentlich hasse? Zweimal in der Vergangenheit habe ich mich bereits an den Fingern leicht verletzt als mir der Fuß wegrutscht ist und ich die dämlichen Fingerlöcher trotzdem gehalten habe… Ich kann die Erinnerung nicht ausblenden. Die Zweifel sind da. Mir laufen die Arme zu. Der Blick gleitet nach unten. Der ausgeblichene Tricam ist knapp 5m entfernt. Verdammt. Ich klettere noch einen Zug zurück, bevor ich Alex warne. Ich lasse los. Der Flug dauert nicht lang. Das Seil fängt mich weich auf. Der steile glatte Plattenpanzer bietet gutes Sturzgelände. Durchatmen, sammeln und wieder hoch.
Ich gebe meiner Angst nach. Was soll der Quatsch mit dem Rotpunkt eigentlich. Ganz egal wie. Irgendwie hoch kommen. Im Führer steht was von 8- obligatorisch bei A3 technischer Kletterei. Sollte also easy drin sein. Wozu habe ich die zwei im Führer angegeben Cliffs denn sonst mitgenommen? Ich pfriemel den ersten Cliff in das untere Zweifingerloch und belaste die Schlinge vorsichtig… der Metallhaken knirscht auf dem Fels… nicht besonders vertrauenserweckend. Insbesondere dann, wenn man sich zum ersten Mal überhaupt in einen Cliff hängt… vorsichtig reiche ich weiter hinauf und platziere den zweiten Cliff in das obere Zweifingerloch. Der belastete Cliff poppt plötzlich aus dem Loch. Es geht abwärts, während mir die beiden Cliffs um die Ohren fliegen.
Was für ein Mist! Meine mitgeführten Cliffs taugen offensichtlich nicht weit… tja das hat man nun davon, wenn man bei der Onlinebestellung noch irgendeinen reduzierten Schrott mitbestellt, um die Umsatzgrenze für die versandkostenfreie Lieferung zu erreichen… nach dem Motto „ist ja nicht schlecht, wenn man sowas mal hat“… für alle Fälle. Mit meiner Vorstellung von technisch klettern – irgendwie an Haken, Keilen, oder Cams hochziehen hat das hier nichts zu tun! Wer hier technisch klettern will, sollte den Umgang mit Cliffs wirklich beherrschen.
Beim nächsten Versuch komme ich irgendwie hoch bis zu der rettenden herunterhängenden Sanduhrschlinge… ganz schön ausgeblichen und räudig sieht die aus. Alles in mir sträubt sich dagegen sie zu belasten. Aber was habe ich für eine andere Wahl? Ganz vorsichtig ziehe ich an der Schlinge an und klippe das Seil in die Exe. Ich stoße einen Seufzer der Erleichterung aus, als Alex zu macht, sich das Seil strafft und die Schlinge tatsächlich mein Gewicht hält. Was für ein Nervenritt!
Mein Blick geht Richtung Standplatz. Von der Sanduhrschlinge aus traversiert es nach rechts. Zwar wieder anspruchsvolle Lochkletterei auf der Platte, aber wieder ganz mein Terrain. Ich erreiche den Standplatz. War ich je schon einmal erleichterter und glücklicher eine Seillänge überwunden zu haben? Alex kommt nachgestiegen und erledigt die letzte Seillänge bis in den Fisch. Eigentlich wollten wir für unser Biwak ja heute bis zum zweiten Band kommen. Ein Blick auf die Uhr sagt uns, dass dies theoretisch noch möglich wäre bis Sonnenuntergang. Fünf schwere Seillängen sind es noch bis zum zweiten Band. Ein Blick in mich hinein und auf mein Nervenkostüm sagt mir jedoch, dass ich heute nirgendwo mehr hin möchte! Alex sieht das Gott sei Dank genauso.
Wir richten uns also ein für ein ungemütliches Biwak im abschüssigen Bauch des Fisches. Mit am Stand eingehängtem Klettergurt im Schlafsack, liegt es sich gar nicht mal so gut. Aber der Schlafsack rutscht auf dem abschüssigen Untergrund hervorragend auf der Isomatte und gleich nach meinen Füßen geht es knapp 500 Meter abwärts… Von der Höhlendecke tropft immer mal wieder geräuschvoll Wasser auf meinen Schlafsack. Wieder und wieder muss ich meine ungemütliche Schlafposition auf dem harten Untergrund ändern um weiterschlafen zu können. Nichts desto trotz, aufgrund der Strapazen des Tages, schlafe ich immer wieder ein.
Bei Tagesanbruch starten wir los in die 17. SL. Aus dem Bauch des Fisches geht es nach rechts hinauf. Was für ein Kaltstart! Die Kletterei ist gleich mal äußerst fordernd. Eine Absicherung auf den ersten Metern ist bis auf einen in einer Leiste eingehängten Cliff nicht möglich. An den guten darüber liegenden Sanduhren angekommen heißt es daher erst mal wieder tief durchatmen und die Moral einsammeln. Von dort aus traversiert es über die gesamte Länge des Fisches an guten Griffen nach links. Den weiteren Weg Richtung Stand versperrt eine glatte Lochplatte hin zu einer stumpfen Kante. Wieder nur Fingerlöcher im ansonsten strukturlosen Kalk! Wenigstens ist die Absicherung mit Sanduhr und Cam direkt vor der Schwierigkeit hier gut. Dennoch scheitert Versuch um Versuch das letzte Drei-Fingerloch zu blockieren, die Füße möglichst weit hoch zu setzen, um dann dynamisch die stumpfe Kante zu erreichen. Zweifel machen sich in mir breit. Verdammt! Ich komme hier einfach nicht rauf! Aber 17 SL an bescheidenen Schlingenständen wieder abseilen? Keine wirkliche Option! Also wieder ran. Die Beta leicht verändern, das Loch mit links blockieren und dann gleichzeitig mit rechts als Untergriff. Verzweifelt!
Final entscheide ich mich das letzte Loch mal mit rechts zu blockieren und mit links zu einem weit entfernten mickrig aussehenden Loch hinauf zu tasten. Und tatsächlich! Zwei Finger passen grade so hinein und klemmen perfekt! Das ist also die Lösung?! Ape factor +7 sei Dank reicht die Reichweite. Wie soll das jemand der kleiner ist klettern?! Egal ran an die stumpfe Kante… toll, alles rund, kein Käntchen zum festhalten und zudem noch dreckig und sandig. Hilft nichts! Festhalten und schnell zwei Cams in den schmalen Spalt basteln. Dann den erlösenden Ruf zum Sicherungspartner. Zu! Am Stand dann wieder tief durchatmen. Laut Topo 8+ in freier Kletterei. Mit der entsprechenden Reichweite und gewusst wie ok. Was für eine Seillänge!
Jetzt gilt es! Mit der 18. SL liegt die letzte nominal schwerste SL zwischen uns und dem weiteren Weg zum Gipfel. Also nochmal zusammenreißen und alles geben. In etwas verwinkelter Routenführung klettert es sich anspruchsvoll, aber gut absicherbar dahin. Doch dann heißt es aus einer kleinen Höhle heraus links traversierend einen einzelnen mit zig Schlingen verzierten Schlaghaken anzuklettern. Die Kletterei an Zweifingerlöchern ist anspruchsvoll, aber löst sich gut auf. Aber dann…Vom Haken aus traversiert es über eine glatte Platte ca. 7 Meter nach rechts bevor ein Riss zum Standplatz hinaufzieht. Ernsthaft? Das sieht verdammt schwer aus und keinerlei Sicherungsmöglichkeit auf dem Weg. Ich binde den Schlaghaken gleich mal vorsorglich am Schaft ab um ihn im Sturzfall bestmöglich zu belasten. Erster Freikletterversuch. Weiter Zug von einem guten Loch hin zu einem Zweifingerloch und einer kleinen Leiste. Verdammt! Das soll ich wegkneifen? Nicht möglich! Cliffs und Trittleitern rausgeholt. Keine Chance! Wer hier technisch drüber kommt muss ein echter Profi im Umgang mit Cliffs sein! Dass ich das nicht bin, hatte ich ja bereits am Vortag unter Beweis gestellt.
Es bleibt mir also nichts anderes übrig, als meine Nerven und meine Geduld zu testen. Zug um Zug suche ich mir die Tritte und Griffe für meine Lösung zusammen. Mal um mal rausche ich in immer weiter werdenden Pendelstürzen in das Seil. Ob der Haken dem standhält? Darüber kann ich mir jetzt keine Gedanken machen. Er muss! Ansonsten bliebe nur der Rückzug. Ich frage mich, was ich hier eigentlich mache und wünsche mich weit, weit weg. Hilft nichts. Es gibt nur zwei Optionen: Rauf oder runter. Runter kommt nicht in Frage. Also zusammenreißen, Nerven beruhigen, fokussieren und weiter probieren! Als meine Beta dann eine gefühlte Ewigkeit später schließlich aufgeht, fühlt es sich gar nicht mehr so schwer an. 8+/9- in freier Kletterei. Beim Sportklettern eigentlich nicht das große Problem. Hier? Unglaublich anspruchsvoll! Als ich den Stand endlich erreiche, macht sich zwar Erleichterung breit. Freuen kann ich mich jedoch nicht mehr. Dazu bin ich mental und emotional zu sehr ausgelaugt. Wahnsinn, was mir diese Tour abverlangt.
Immer weiter. Also die 19. Seillänge in Angriff nehmen. Wieder geht es ganz moderat los. Absicherung ok. Aber dann… wieder hören die Strukturen unvermittelt einfach auf. Ein Blick ins Topo verrät mir, dass es hier entweder mittels eines Pendelquergangs oder durch Abklettern nach links weiter gehen soll. Eigentlich habe ich quasi schon resigniert. Als ich dann jedoch auf der Platte an Mikrolöchern nach untern traversiere wallt Wut in mir auf. Das kann doch einfach wahr nicht sein, brülle ich hinaus! In freier Kletterei laut Topo 8. Grad. Tatsächlich schon wieder so sauschwer! Irgendwie gelingt es mir trotzdem auf mini Quarzstrukturen tretend, an Mikrolöchern schiebend ohne Zwischensicherung das untere Ende der großen offensichtlichen Rissschuppe zu erreichen. Ich kann es einfach nicht glauben und schüttle nur noch den Kopf. Das ist Hans Jörg Auer damals Free Solo geklettert?! Alles bis hierher ist zumindest irgendwie denkbar, wenn man nur stark genug ist. Aber diesen Eiertanz auf kleinsten Strukturen ohne einen einzigen Griff, an dem man sich irgendwie festhalten könnte? Unglaublich!
Bis zum zweiten Band klettert es sich noch anspruchsvoll, aber machbar weiter. Irgendwie habe ich hier auch noch die original Rutenführung verpasst. Egal! Irgendwer ist hier schon mal geklettert. Der ein oder andere Fixkeil belegt diesen Umstand. Und da es sich auflöst…egal. Am zweiten Band angekommen beraten wir. Die Uhr sagt 16:30 Uhr. Wahnsinn! Hab ich jemals schon so viel Zeit für 5 Seillängen gebraucht?! Wir beraten uns. Die restlichen ca. 15 Seillängen sollten nie wirklich schwer sein. Den Gipfel vor Einbruch der Dunkelheit zu erreichen sollte somit eigentlich noch drin sein… aber dann? Die letzte Bahn verpassen wir ganz sicher. Auf dem Gipfel biwakieren? Die 2.000 hm über den Gletscher in der Nacht absteigen? Wir entscheiden uns für ein weiteres Biwak in der komfortablen Biwak Höhle auf dem zweiten Band. Wozu haben wir denn sonst das ganze Essen durch die Wand gezogen?!
Lediglich unser Wasservorrat neigte sich stark dem Ende zu… nur noch ein halber Liter für zwei Mann und einen weiteren halben Tag in der Südwand… womit wir wieder am Anfang meiner Erzählung angelangt wären.
Der obere Teil der Wand klettert sich am nächsten Tag gut dahin, obwohl der Fels teilweise recht brüchig ist und Stände Mangelware sind. In den mit 4. Schwierigkeitsgrad bewerteten Ausstiegskaminen darf dann doch nochmal ganz ordentlich zugepackt werden… aber wer es bis hier hin geschafft hat…
In den Wochen unmittelbar danach kann ich meine Gefühle gar nicht genau definieren. Irgendwie ist da eine große Leere nachdem ich einen meiner größten Kletterträume von der Liste streichen konnte. Zeitgleich ist da die Frage, warum man sich so etwas überhaupt antut. Die mit der Tour verbundenen Strapazen und der hohe psychische Anspruch haben mich mental ein Stück weit ausgelaugt. Doch je länger der „Fisch“ zurückliegt, desto mehr verblassen die Erinnerungen an die Strapazen und steigert sich die Freude über das Erreichte. Zurück bleibt die Erinnerung an ein ganz großes Abenteuer. Und ja, das Gefühl der ständigen Getriebenheit ist ein Stück weit einer inneren Ausgeglichenheit und Ruhe gewichen.
Herzlichen Dank Alex!
