Grand Capucin – Bonattiführe

Eingebettet in die unglaublich eindrückliche Gletscherlandschaft des Mont-Blanc-Massivs und inmitten dessen höchster Gipfel, wirkt die 400 m hohe Ostwand des Grand Capucin beinahe beiläufig. Steht man jedoch direkt unter dem Monolithen und blickt hinauf in ein wahres Meer von Risslinien und Dächern aus gelb-rotem Granit, wird einem die Größe der Unternehmung diese Wand zu durchsteigen bewusst. Die bereits 1951! von Walter Bonatti und Luciano Ghigo erstbegangene Bonattiführe führt vom großen Band in unglaublich direkter Linie steil, kühn und ausgesetzt zwischen all diesen Dächern hindurch zum Gipfel. Eine für die Zeit der Erstbegeher wahrhaft visionäre Linie. Auch heute noch, mit rund 21 Seillängen selbst abzusichernder Kletterei in großer Höhe, eine anspruchsvolle Unternehmung und Traumtour für jeden Alpinisten.

Kletterlänge: ca. 500 mAusrichtung: Südost
Seillängen: ca. 21Schwierigkeit: 7a+ (6c obl.)

Zustieg

Entweder von der Cosmiques-Hütte (Seilbahn von Chamonix zur Aiguille du Midi), oder der Turiner-Hütte (Seilbahn von Courmayeur/Entreves) aus, jeweils auf ca. 3.400 m startend über den Glacier-du Geant, mit lediglich ca. 200 m Höhendifferenz in 1,5 – 2 Stunden zum Wandfuß des Grand Capucin. Wir haben den Zugstig von der Turiner-Hütte aus gewählt. Der Zustieg von der Cosmiques-Hütte führt durch spaltenreichere Bereiche des Gletschers und stellt daher höhere Anforderungen an Bedingungen und Fertigkeiten. Entsprechend der hochalpinen Gletscherumgebung können die Verhältnisse und Anforderungen stark variieren.

Einstieg

Der Originaleinstieg folgt zunächst für ca. 100 m dem im unteren Teil ca. 40 Grad steilen Schnee Couloir auf der Südwestseite des Gran Capucin (steinschlag- und lawienengefährdet) und traversiert anschlißend durch schnee- und eisdurchsetztes Schrofengelände zum großen Band (grüne Linie).

Wir haben stattdessen den Direkteinstieg über die ersten vier-fünf (je nach Ausaperung) Seillängen der L‘ Elixir d Astaroth gewählt. Dieser startet am tiefsten Punkt der Wand in direkter Falllinie des Gipfels und folgt einer durchgehenden logischen Risslinie (6b, 6a, 6b, 4c) (rote Linie). Die Kletterei ist herrlich und daher die aus unserer Sicht deutlich lohnendere und sicherere Einstiegsvariante.

Egal welchen Einstieg man wählt, ist je nach Ausaperung ein mehr oder weniger ausgeprägter Bergschrund vom Gletscher zur Wand / dem Couloir zu überwinden. Dieser kann von noch komplett schneeverfüllt unproblematisch zu überqueren sein, oder aufgrund von Steilheit und Tiefe eine komplette Eiskletterausrüstung erfordern.

Kletterei

Die Beschreibung startet am Treffpunkt der Originalführe und dem Direkteinstieg (siehe oben). Da die Schwierigkeitsbewertungen in den unterschiedlichen Führern recht stark voneinander abweichen, hier gemäß dem eigenen Empfinden. SL1 (5b): Vom Stand auf Absatz rechts über eine kurze Platte zu einer feinen Rissspur und dieser ca. 10 m schräg aufwärts zu sichtbarem Borhakenstand folgen. Von diesem weiter schräg diagonal abklettern bis auf das gut sichtbare schutt-/schneebedeckte Band. Dort Standplatz in einer Niesche. SL2 (Gehgelände): 15 m dem Band folgen, bis dieses endet. Dort Standplatz am Start einer Risslinie in einer Verschneidung.

SL3 (6b): Pressiger Start in der Rissverschneidung. An derem Ende links aufwärts auf einen Absatz. Von diesem der offensichtlichen Rissverschneidung weiter folgen bis unter ein Dach. Unter dem Dach nach links bis zum Stand auf einen Absatz traversieren (ca. 35 m – Achtung: In manchen veralteten Führern ist diese SL noch mit 15 m angegeben -> selbst einzurichtender Stand auf dem erstem Absatz; dies macht jedoch keinen Sinn. Der gebohrte Stand nach 35 m ist bei vernünftiger Seilführung ohne große Seilreibung gut zu erreichen). SL4 (6a): Erst nach rechts hinein in den breiten Risskamin, dann dem steilen Handriss bis zum nächsten Stand auf einem Absatz folgen. SL5 (6c): Feiner, steiler Fingerriss in seichter Verschneidung. Technisch anspruchsvolle Kletterei. Mit Microcams / Keilen jedoch gut absicherbar. Am Schluss über einen kleinen Bauch auf die steile Platte zu dem Hängestand unter dem großen Dach.

SL6 (6b+): Über die Platte nach rechts hinauf zum Riss unter dem Dach traversieren. In der Verschneidung an der Kante henklig und luftig hinauf auf den nächsten Absatz. SL7 (6b): Senkrecht hinauf entlang blockigen Risslinien auf einem Pfeiler (hier früher wohl Zwischenstand, der heute überklettert wird). Von Pfeiler diagonal nach rechts aufwärts in die weiterführende Rissverschneidung. An derem Ende über einen Überhang zum Stand (lange SL ca. 45m). An dieser Stelle erscheint es eigentlich logisch, der klaren Rissverschneidung weiter zu folgen. Es handelt sich jedoch um die Route „Directe des Capucines“ (3 SL, 5c, 6c, 6c, bis zum nächsten Band und erneutem Kreutzen der Bonatti). SL8 (6c): Die Bonatti zweigt hier nach rechts ab und folgt dem feinen horizontalen Riss leicht unterhalb des Standes.

Der feine (Hangel-)Riss mit glatter, strukturloser Wand darunter, sieht äußerst kühn aus, lässt sich mit Microcams jedoch gut absichern. An dessen Ende geht es nocheinmal luftig hinüber zum Beginn eines schneegefüllten Kamins. Dieser klettert sich entspannt bis zum nächsten Stand auf breitem Band. Eine SL mit ca. 35 m. SL9 (7a+?): Die sogenannte „40 m-Wand“ startet zu Beginn über einen kleinen Überhang, folgt dann einer feinen Risslinie nach rechts um die Ecke in eine leicht geneigte Wand, bis final hinauf auf das nächste große Band. Bei unserer Begehung lag die Wand bereits im Schatten und rann Wasser hinunter. Beste Bedingungen also, um innerhalb kürzester Zeit kalte und vollkommen gefühllose Finger zu haben und infolgedessen, ab diesem Zeitpunkt die Freikletterabitionen zu beerdigen. Auf den 40 m stecken rund 35-40 Schlaghaken jeglichen Zustandes, so dass die Seillänge auch bei widrigen Bedingungen technisch von Haken zu Haken geklettert werden kann.

SL10 (4c): Auf dem großen Band über gestuftes Gelände nach links zu spektakulär ausgesetztem Stand auf schmalem Absatz. SL11 (6b+): Nach links um die Kante hinein in eine steile, nach links abdrängende Verschneidung mit feinem Riss, in der mehrfach auf Reibung angetreten werden muss. SL12 (6c+): Steil, immer leicht nach rechts über zwei henklige Überhänge. Nach dem zweiten Überhang zum Stand zwingend zu kletternder, anspruchsvoller Boulder. SL 13 (6c+): Fingerrisse zu Stand unter Überhang (kurze SL ca. 15m). SL 14 (6c): Hinauf zu dem Riss unter dem kleinen Dach und nach links in die nachfolgende Risslinie. Der Risslinie immer leicht linkshaltend folgen ca. 35 – 40 m. SL 15 (5b): Zunächst noch anspruchsvoll den Riss auf den Pfeiler rechts hinauf. Danach leichtes Gelände bis unter Dach, unter diesem nach rechts traversieren und der folgenden Verschneidung in leichtem Gelände bis auf Schulter folgen. Ca. 45 m lang, auf Seilführung achten.

SL 16 (5a): Von der Schulter zunächst leicht abwärts in die Nordseite. In der Nordseite durch eine blockige Verschneidung, gefolgt von einer Wand mit mehreren rampenartigen, aufwärtsführenden Bändern bis zu Stand in der Scharte zwischen den zwei Gipfelblöcken. Bei uns, selbst bei in der Süd-Ost-Wand ansonsten praktisch schnee- und eisfreien Bedingungen, hier noch einiges an Schnee und Eis. Bei noch mehr Schnee und Eis, oder ungewissen Bedingungen, Leichtpickel und Leichtsteigeisen für den Vorsteiger absolut empfehlenswert. Wohingegen zuvor die mobile Absicherung entlang der Risslinien immer unproblematisch war, kann es hier aufgrund der unklareren schneebedeckten Strukturen anspruchsvoll sein, vernünftig abzusichern. SL 17 (5a): Aus der Scharte nach rechts, entlang horizontalem luftigem Riss, wieder um die Ecke, in die Südseite des Grand Capucin und zu Stand auf dem Gipfel ca. 12 m.

Ausrüstung

  • 14 Expressschlingen (in „40 m Wand“ mit rund 35-40 Haken hat man natürlich nie „genug“)
  • 1 Satz Cams 0.3 – 3, ggf. 0.5 – 2 doppelt
  • 1 Satz Micro Cams z.B. BD Z4 0.1 – 0.4
  • Doppelseile 50 m

Absicherung

Die Tour ist grundsätzlich selbst mobil abzusichern und erfordert entsprechende Erfahrung. Alle Stände sind gebohrt und mit zwei Edelstahlringen ausgestattet. Vereinzelt stecken einige Schlaghaken und fixe Cams/Keile. In der 40 m Wand ca. 35-40 Rostgurken jeglichen Zustandes. Entlang der Risslinien, ist die mobile Absicherung praktisch immer gut möglich.

Schwierigkeit

Der alpine Anspruch der Tour hängt stark von den Bedingungen des Zustiegs und in der Wand ab und wird durch die Freikletterbewertungen nur unzureichend wiedergegeben. Starke Ausaperung, kalte Temperaturen, Schnee und Vereisung in der Wand, können den Charakter der Tour stark prägen.

Die konsequente Absicherung mit mobilen Sicherungsgeräten erfordert entsprechende Erfahrung. Dank der mittlerweile gebohrten Stände, wäre ein Rückzug möglich, – aufgrund der vielen Traversen – jedoch sehr aufwändig.

Die Länge der Tour (21 SL; bei konsequenter Selbstabsicherung mit mobilen Sicherungsgeräten) garantiert einen erfüllten Klettertag und erfordert gute physische sowie mentale Ausdauer.

Abstieg

Abgeseilt wird über die Stände der L‘ Elixir d Astaroth / Voyage selon Gulliver (ca. 12 mal, wobei verschiedene Varianten möglich sind).